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Ich bin eigentlich nie Nachmittags bzw am frühen Abend unterwegs, aber wenn doch, dann ist St. Martin und ich stehe im Stau. Sehe verfrorene, missmutige Eltern, während die Kinder mehr oder weniger gezwungenermaßen „Laterne, Laterne“ singen. Schief und eine halbe Tonlage daneben, aber mit voller Inbrunst. Die Mütter laufen daneben, bewegen ihre Münder und tragen die Laternen. Die paar wenigen Väter, die dazu verdonnert worden sind mitzugehen, trotten am  Ende der Schlange mit hängenden Köpfen hinterher.
Das ist das, was die Öffentlichkeit davon sieht.
Ich habe großes Mitleid, wenn ich die Umzüge sehe. Aber ein hämisches „meine Kinder sind leider zu alt dafür“ kann ich mir dann doch nicht verkneifen. Denn: was hinter der Fassade steckt, ist noch viel, viel grausamer.

Es beginnt bereits Ende August; ich erinnere mich, als sei es Gestern gewesen. Sowas brennt sich für immer in die Gehirnwindungen ein. Beim Abholen der Kinder sticht mir ein Aushang ins Auge: gemeinsames Laternenbasteln der Eltern. Tragen Sie sich jetzt ein. Jeder nur ein Kreuz. Ich bastele gerne, aber sollte das nicht irgendwie von den Kindern gemacht werden?  Meine Frage danach wird mit einem süffisanten Lächeln beantwortet: Es wäre doch mal eine gute Idee, die Mütter an einen Tisch zu bringen. Hinter dem Grinsen der Erzieherin steckt aber eine andere, deutlich ins Gesicht geschriebene Antwort: Es ist _Dein_ Kind. Ich hab kein Bock auf den Scheiss. Mitgehangen, Mitgefangen.
Meine zaghaften Versuche, diesen Termin abzuwehren, werden im Keim erstickt: wir haben _so_ viel Vormittags zu tun, dass wir das nicht machen können. Keinesfalls. Wenn Du nicht kommst, hat Dein Kind keine Laterne. Das kann man doch nicht verantworten, oder? ODER?
Ich gebe mich geschlagen und trage mich in die Liste ein. Als erste. Was ist schon dabei. Kann ja nicht so schwer sein, so ein bisschen zu basteln.
Tage später stehe ich immer noch alleine auf der Liste, werde mit „Verräterin!!“-Blicken der anderen Mütter aus der Gruppe bedacht. Mein Name auf der Liste stellt sie in ein schlechtes Licht. Ich lächel tapfer und freundlich zurück und möchte meinen Namen wieder durchstreichen
Am Vormittag vor dem „lustigen Bastelabend“ sind es ganze vier Namen. Offensichtlich wirkt der unterschwellige Vorwurf der Erzieherinnen nicht bei jedem.
Abends  sitze ich dann da, bastel zwei wahn-sinnig-tolle Burg/Drachen/ Fledermauslaternen. Ich bin stolz auf mich. Sie sehen wirklich so aus wie die Vorlage. Der Abend war tatsächlich ( „Möchten Sie Wasser oder Hagebuttentee?“) so lustig wie angekündigt. Es gab Sperrholzplätzchen dazu („haben die Kinder EXTRA für diesen Abend gebacken!!“). Im Geiste sehe ich die Rotzfahnen der Kindergartenkinder in den Teig tropfen. Lecker.
ich führe meine Laternen den Kindern vor. Die zwei sind sich einig: „toll. Mama, hast du gut gemacht. Können wir sie mal anmachen?“ Ich hole die batteriebetriebenen Lämpchen raus. „Nein, Mama, echte Kerzen. Bittebittebitte, nur einmal. Auf dem Balkon. Passiert schon nix, du bist ja dabei.“ ich gebe nach, denn ich will mein Werk ja auch mal selbst in Action bewundern, ein Foto davon machen und vielleicht sogar bloggen.
Kaum sind die Teelichter entzündet, kommt ein Windstoß, es macht leise „fumppp!“ und die Laternen sind in die ewigen Jagdgründe gegangen. Ich erinnere mich, auf dem Kleber stand „leicht entzündlich“. Morgen ist der Umzug.
Ich verspreche den Kindern hoch und heilig, bis Morgen habe ich mir was einfallen lassen. _irgendwas_ muss der Haushalt doch hergeben.
Tags drauf durchforste ich Altpapierhaufen, Bastelkiste und Kinderzimmer und bin ratlos. Schließlich bastele ich tapfer mit leeren Michtüten, experimentiere mit Cornflakespackungen und Joghurtbechern. Wenn man Licht in das Ergebnis reintut, leuchtet es sogar.
Mittags gibt es die ersten Tränen. Damit macht man sich vor seinen Kumpels lä-cher-lich! Aber sie haben keine andere Wahl. Den Umzug ausfallen lassen? Unmöglich.
Abends werden die Kinder eingepackt und auf den Wingertskippel, eine sturmgepeitschte Anhöhe in der Nähe, gekarrt. Regen und gefühlte Minus 10 Grad machen den Tag perfekt für einen Waldspaziergang. „Mama, trag Du die Laternen, ist uns zu peinlich.“ Ich ziehe den Kragen meiner Winterjacke übers Kinn; die Hände sind bereits nach kurzer Zeit an den Laternenstäben festgefroren. Ich kann die Sch** Dinger nicht mal mehr loslassen.
Nun bin ich es, die von den Müttern mitleidig angeguckt wird: es strahlen die schönsten, buntesten und gekauftesten Laternen um die Wette und werden von behandschuhten Kinderhänden stolz durch die Gegend getragen. ich gebe vor, dass meine Batterien alle sind. Gleichzeitig an beiden Stäben.
Nach mehreren Stunden im Regen, mit durchgegangenen Martinspferden, Lagerfeuern und besinnlichen Liedern, deren eifrig dagereichten Textblätter mir *ups* weggeflogen sind, ist die letzte Rettung der Glühweinstand vom Förderverein. Mit letzter Kraft bezahle ich, verweige die Annahme des Eintrittsformulars und erhalte ein wunderbares Heissgetränk. Es ist bappig süß und irgendwie stellt sich die erhoffte betäubende Wirkung nicht ein. Meine Nachfrage ergibt: “ Das ist Kinder-Punsch! Wir verkaufen hier doch keinen Alkohol!“.
Ich fahre heim und jammere. Mister, der in Pantoffeln vorm Fernseher sitzt, hat Mitleid. ich sehe sein hämisches Grinsen aus dem Augenwinkel.

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