Weihnachten ohne Baum ist für mich unvorstellbar. Vor meinem geistigen Auge habe ich reich geschmückte, riesige Weihnachtsbäume. So wie in der Werbung: zwei glückliche Kinder und deren Mutter  tanzen um den Baum, schmücken ihn und freuen sich. Es riecht nach Tanne und  frisch gebackenen Plätzchen, die Gans brutzelt im Ofen und die gesamte Familie ist entspannt, friedlich und begeht ein besinnliches Weihnachtsfest. So kenne ich das aus meiner Kindheit. Wobei ich , wenn ich so überlege, während des ganzen Heiligen Nachmittags ins Zimmer gesperrt wurde, Weihnachtsfilme guckend und erst Abends den fertigen Baum sehen durfte. Meine Mutter hatte es damals richtig gemacht: die Kinder wegsperren. Baum kaufen war damals keine Familienangelegenheit: mein Vater brachte ihn einfach fertig mit.

Aber wir sind ja eine moderne Familie, der Kauf eines Baumes- die weihnachtliche Zentrale der Familie- ist die Entscheidung aller.

Es ist das dritte Adventswochenende und Familie Kalinumba macht sich auf, den perfekten Baum zu jagen.

Es beginnt schon vor der Abfahrt. Da müssen noch Mützen gesucht (Paul: „ Mama, wo hast du denn meine Mütze hingeräumt?“, Schals gebunden (Max: „Mamaaa, ich hab die Jacke im Reißverschluß eingeklemmt!!“) und Stiefel angezogen werden. Eine Familie wettertechnisch korrekt einzukleiden ist ein schweißtreibender Job. Aber schließlich sitzen wir im Auto und fahren zum nächstliegendem Weihnachtsbaumverkauf einer örtlichen Baumschule. Die Wege sind knatschig und es regnet. Ich mache einen großen Schritt über die nächste Pfütze; Paul steht knietief drin. Paul: „ Mama, ich hab nasse Füße!“. Da mußt Du jetzt durch, Kind.

Mister weiß um die Problematik, meint nur: „guckt ihr mal, ich trink nen Glühwein“. Sprachs und ward nicht mehr gesehen.

Max zerrt mich zu einer Ecke, in der die Bäume für Hallen, Kirchen und Schlösser stehen und zeigt verzweifelt auf eine dürre, verbogene Tanne.  Vier Meter fuffzig, würde ich schätzen. „ Das ist unser Baum, den will ich haben!!“. Ich habe Familie Grisworld aus dem Film „ eine schöne Bescherung“ im Kopf, die ihren Baum auspackten und der daraufhin die Fenster mit den aufspringenden Ästen einschlug, und meine „ Max, unser Wohnzimmer ist nicht groß genug. Unser Baum muß kleiner sein!“ und versuche, die Kinder  auf die Seite mit den kleinen Bäumchen zu bugsieren. Aber Max wäre nicht Max, wenn er nicht ein weiteres Argument auf Lager hätte. „ Mama, dann sägen wir ihn eben unter der Decke ab!“. Meine Argumentation, dass wir doch dann gleich einen kleineren kaufen könnten verrinnt im Sande. Man könnte den Baum ja schließlich auch in seinem Zimmer aufstellen.

Paul zeigt auf eine Krüppelkiefer, die ihren Namen zu recht trägt, etwa 3 Meter hoch. Die will er haben. Nein, Paul, eine Kiefer ist kein Weihnachtsbaum. Geht nicht. Ich will doch Tannenduft!

Ich zerre die Kinder zu den kleinen Bäumchen und ziehe eine hübsche, kleine Tanne vor. Die Nadeln pieken in die Hand und ein Schauer aus Regentropfen läuft mir in den Ärmel.  Für den perfekten Baum muß man auch mal bereit sein, Opfer zu machen. Knapp über einem Meter, schön und regelmäßig gewachsen. Das könnte unser Baum sein. Unser Wohnzimmer bietet nicht sonderlich viel Platz für Weihnachtsbäume. Aber Max wird trotzig. „Der ist zu klein! Da passen gar nicht alle Geschenke drunter!“. Hm… wo ist die Verbindung zwischen Geschenken und Baum? Ich stehe auf dem Schlauch. Es folgt eine hitzige Diskussion darüber, das unter einen großen Baum auch große Geschenke müssen und er deshalb einen großen Baum braucht. Haben muß. Hat er in der Kirche gesehen letztes Jahr. Da waren RIESIGE Geschenke drunter. Will er auch.

Pauls Augen werden glasig und die Unterlippe zuckt verdächtig. Er schmollt, weil es nicht dieser langhaarige Baum werden darf. Dabei wäre doch er mal an der Reihe, den Baum für die Famlie auszusuchen. Für Paul ist Weihnachten gestorben, jeder Baum  außer „seinem“ ist jetzt doof. Baum um Baum halte ich hoch, jedesmal läuft mir erneut das Wasser in den Ärmel. Aber ich bekomme von ihm sowieso nur noch „ der ist Kacke“ zu hören.

Nach knapp eineinhalb Stunden haben wir uns dann doch schließlich geeinigt. Eine kleine Tanne, knapp einen Meter hoch, perfekt und regelmäßig…. hey, das hatten wir doch schon mal?.. richtig, Es ist der erste Baum, den ich zu Anfang in der Hand hatte. Paul ließ sich nur noch beruhigen, weil seine Kiefer einen anderen Käufer gefunden hatte und Max davon überzeugt werden konnte, dass auch unter einen kleinen Baum große Geschenke passen können. Passt. „Mister! Wir haben einen. Bezahl mal.“. Mister kommt gut gelaunt aus dem Glühweinzelt und fängt beim Anblick unseres perfekten Baumes an zu kichern. „ ist euer Ernst, oder“. Meine Gesichtszüge verhärten sich zu Granit. Das Wasser in meinem Ärmel ist bereits bis zum Rücken durchgesickert. Ich habe Fusseln am Mund vom Diskutieren und bin etwas genervt. Das war genau der Satz, den ich jetzt brauchte und er macht mir meinen Baum irgendwie madig. Egal. Ich will nicht mehr. Aber Mister zieht  mit einem Griff neben sich einen Baum, der wunderbarerweise vollkommen trocken ist, aus dem Ständer. Natürlich ist dieser Baum genau das Abbild meiner wunderbaren Werbe- Weihnachtswelt. Alle 4 Familienmitglieder raunen „ ohhh“ und „ahhh“ und beide Kinder sind sich einig, „ den wollen wir und sonst keinen!“. Ich sag nichts mehr dazu. Er ist wirklich wunderschön.

Mister bezahlt, packt den Baum ins Auto und meint beschwingt: „ich weiß gar nicht warum Du immer so einen Aufriss machst – Weihnachtsbaum kaufen ist doch voll easy.“

 Unbenannt

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